Resonanzräume

Resonanzräume

In unseren Resonanzräumen diskutieren wir regelmäßig mit Experten und Partnern.
Dieser Austausch fördert unsere Weiterentwicklung.

Bei dem Resonanzraum 2010 waren Prof. Dr. G. Günter Voß, Dr. Margit Weihrich und ihre Forschungskollegen zu Gast. Sie teilten ihre Ergebnisse zu einem gelingenden Alltag von Menschen mit uns. Diese Erkenntnisse nutzten wir bei unserer Arbeit mit Mittelschülern.

Zum Resonanzraum 2011 kamen führende Experten aus der Münchner Jugend- und Sozialarbeit bei uns zusammen. In diesem Treffen lernten wir den Kompetenznachweis Kultur (KNK) kennen und entwickelten neue Förderkonzepte.

Im Resonanzraum 2013 kamen die Jugendlichen selbst zu Wort. Sie schilderten uns ihren Lebensalltag und die Herausforderungen, denen sie täglich begegnen.

Bei dem Resonanzraum 2015 ging es um die Mittelschullehrer. Sie erzählten aus ihrem Arbeitsalltag und teilten ihre Erfahrungen, die sie bei der Arbeit mit Schülern gesammelt haben. Dieser Einblick ist für uns besonders wichtig, da wir eng mit Mittelschulen zusammenarbeiten.

Resonanzraum: Stimmen aus der Wissenschaft >>>

Resonanzraum: Stimmen aus der Wissenschaft

Zusammenfassung von Margit Weihrich

Das Konzept der alltäglichen Lebensführung ist an die 25 Jahre alt und angesichts einer inzwischen „historischen“ Problemstellung erarbeitet worden – dennoch hat diese spezifische Perspektive weiterhin eine große diagnostische Kraft. Die Aufgabe, sein Leben zu führen, ist inzwischen eher schwieriger als einfacher geworden – all das auf die Reihe zu bringen, was Tag für Tag anfällt, bleibt angesichts der so komplexen wie unbeherrschbaren Bedingungen eine hoch anspruchsvolle Aufgabe, die als eine Leistung eigener Art in den Blick genommen werden muss.

Die Frage nach den Kompetenzen, die eine gelingende Lebensführung braucht, hat die Forschungsgruppe „alltägliche Lebensführung“ damals nicht systematisch verfolgt. Dennoch stecken Antworten in Konzept und Empirie – dies umso mehr, als sich einige der anwesenden Forscherinnen auch in ihren aktuellen Arbeiten dieser Frage annehmen.

So ist festzuhalten, dass es sich hierbei um Meta-Kompetenzen handelt – letztendlich um die Kompetenz, Kompetenzen entwickeln zu können. Man muss mit Offenheit, Unplanbarkeit und Ambivalenz umgehen können; hierfür benötigt man einerseits Flexibilität, andererseits aber auch Bindungsvermögen. Eine wichtige Rolle spielt die Sorge um sich selbst und die hierfür notwendige Fähigkeit, Grenzen zu ziehen und Widerständigkeiten zu entwickeln. Konjunktur scheint auch die Kompetenz zu haben, sich bietende Gelegenheiten nutzen zu können. Insgesamt gilt, die Rolle von Emotionen und Körperlichkeit zu berücksichtigen, wenn es um die Frage von Lebensführungskompetenzen geht.

Die Frage, was eine gelingende Lebensführung ausmacht, ist alt – aber wir sind meines Erachtens ein Stück weiter gekommen. Als ein Indiz dafür, dass Lebensführung an ihre Grenzen geraten ist, lässt sich der Burnout anführen – hier hat die Lebensführung keine Entlastungsfunktion mehr. Die gelingende Lebensführung zeichnet sich demgegenüber durch das Gefühl aus, das, was man tue, sei stimmig und fühle sich gut an. So ist es die Sache der Person, ihre eigene Lebensführung zu beurteilen und sich ein Stück weit gegen diesbezügliche gesellschaftliche Anforderungen zur Wehr zu setzen.

Nimmt man das Konzept theoretisch ernst, so muss man die Eigenlogik der alltäglichen Lebensführung berücksichtigen, wenn es darum geht, Jugendliche in ihren Lebensführungskompetenzen zu fördern. Die entsprechenden Kompetenzen entwickeln sich in Auseinandersetzung mit all den Handlungsanforderungen und Chancen, die tagaus tagein anfallen. Die entsprechenden Lernprozesse finden eher beiläufig und in Form sich etablierender Praktiken statt. Das bedeutet, dass man an der Situation ansetzen muss, in der sich Kinder und Jugendliche befinden – und an den Kompetenzen, über die sie verfügen.

Die Frage, ob das Leben so prekär werden kann, dass Lebensführung gar keinen Sinn mehr macht, haben wir uns nicht gestellt.

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Resonanzraum: Stimmen der Jugendlichen

Zusammenfassung von Theres Lehn

Was haben wir über die Kompetenzen von Jugendlichen gelernt?
Bei unsrem Projekt „Jugendliche zeigen uns ihr Leben“ haben wir Jugendliche für ein paar Stunden begleitet und mit ihnen Interviews geführt. Fast alle der befragten Jugendlichen besuchen die Mittelschule, zwei die Realschule. Nur einer ist ohne Migrationshintergrund.
Uns interessiert, was diese Jugendlichen tagein tagaus zu tun haben, welche Aufgaben sie erledigen, welche Interessen und welche Ziele sie haben, wie sie ihre Feizeit gestalten, wofür sie Verantwortung übernehmen, wie sie sich organisieren und alles unter einen Hut bringen. Denn wir glauben, dass Kinder und Jugendliche viele Kompetenzen zur Alltagsbewältigung besitzen, die ihnen und ihrer Umwelt oft nicht bewusst sind.

Schreib mal wieder?

Für uns Erwachsene ist es manchmal schwierig mit Jugendlichen Kontakt herzustellen, gerade wenn es um ein Forschungsprojekt geht. Wir versenden ein offizielles Schreiben und bekommen keine Antwort. Ein Blick ins Telefonbuch hilft auch nicht mehr weiter – Handynummern von Jugendlichen sind dort nicht zu finden. Wir mussten uns etwas anderes einfallen lassen. So haben wir aber auch erfahren, wie Jugendliche miteinander in Kontakt kommen, wenn sie sich nicht jeden Tag in der Schule sehen oder sich ohnehin gut kennen.

Treffpunkt: meine Homezone

Jugendliche haben Treffpunkte – die Schule gehört natürlich dazu. In ihrer Freizeit und am Wochenende wird der Pausenhof gegen den Stachus getauscht, den Buga-See oder den Fußballplatz. Dort trifft man sich, ohne sich vorher verabreden zu müssen. Wer da ist, ist da. Und es sind immer genug da zum Chillen, Reden oder Fußballspielen.
Bei konkreteren Verabredungen sieht das anders aus. Hier gilt Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Niemand hat den Nerv, länger als zehn Minuten zu warten. Abgesprochen wird sich über Facebook oder WhatsApp, denn da kann man alle Freunde – und Freunde von Freunden – kostenlos erreichen. Telefonieren und SMS kosten Geld. Das leisten sich nur diejenigen, die einen guten Nebenjob haben. Denn festes Taschengeld bekommt keiner der Jugendlichen, die wir interviewt haben.

Gezähltes Geld

Gejobbt wird als Babysitter, im Verkauf oder in der Gastro. Die Jugendlichen fragen auch ihre Eltern nach Geld. Das funktioniert ganz gut. Aber sie wissen – wer gerade was angestellt hat, bekommt nichts. Außerdem ist in einigen der Familien einfach nicht viel Geld da. Für die Jugendlichen ist es dann sehr wichtig, selbst etwas zuzusteuern – sogar dann, wenn es um einen Schulausflug geht. In der Familie wird darauf geachtet, dass alle teilen: Jugendliche, die Geld verdienen, behalten nicht alles für sich. Was sie sich kaufen, wird geteilt. Ein Computer, ein Spielzeug gehört nicht einem allein – es gehört der Familie. Das ist selbstverständlich.

In der Familie zu Hause

Wer am Wochenende jobbt, um Geld dazu zu verdienen, ruht sich am Abend oder sonntags gern zu Hause bei der Familie aus. Wer die Ganztagsschule besucht oder täglich zum Fußballtraining geht, setzt ebenfalls auf Entspannung daheim. Die Familie ist ein Ort der Entspannung, der Zugehörigkeit, des Miteinanders. Auch Verwandte haben einen hohen Stellenwert im Leben der Jugendlichen. Jeder ist Vorbild – in der Erziehung, in der Schule, im Sport, im Beruf, im Umgang mit anderen, in der Frage, was sich gehört und was nicht, in der Religion. Eltern, Geschwister, Verwandte sind Ansprechpartner, wenn es um Nachhilfe oder berufliche Zukunftspläne geht, wenn man sich Sorgen macht, wenn es mit einem Lehrer oder den Eltern mal Probleme gibt.

Einer für alle?

Auch die Jugendliche übernehmen früh Verantwortung in ihrer Familie. Diese Verantwortung kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. Sie kümmern sich um ihre jüngeren Geschwister, dass sie pünktlich in die Schule kommen, all ihre Sachen dabei haben und sie helfen ihnen bei den Hausaufgaben. Sie haben im Blick, wo, mit wem und wie lange ihre Geschwister unterwegs sind. Auch den Eltern gehen sie zur Hand: im Haushalt, beim Kochen und Einkaufen, oder bei Behördengängen, wenn die Eltern mit der Sprache Schwierigkeiten haben.

Ich bin Tim, und wer bist du?

Alle Jugendlichen, die wir interviewt haben, leben das Prinzip Offenheit. Sobald wir vor ihnen standen, sind wir auch schon mit ihnen im Gespräch. Wir fanden das nicht selbstverständlich, dass sie mit fremden Erwachsenen so leicht eine gute Gesprächssituation kreieren können. Doch die Jugendlichen sind überzeugt, ob sie beim Sport auf neue Leute treffen, Einkaufen gehen, über Freunde oder die Familie Dritte kennen lernen – Offenheit macht das alltägliche Miteinander einfacher. Sie sind selbstbewusst genug, sich so zu zeigen, wie sie sind.

Let’s stay friends, Bro!

Einen Unterschied zwischen Offenheit und tiefem Vertrauen gibt es natürlich trotzdem. Jugendliche haben unzählige Bekannte auf Facebook, am Stachus und am Buga-See. Fußballkameraden sind „brothers“. Das ist cool zum Abhängen und Spaß haben. Aber echte Freunde sind nur wenige und sie haben einen ganz besonderen Wert. Klar haben sie viel Spaß miteinander und verbringen einen Großteil des Alltags mit ihnen. Aber beste Freunde sind auch Vertrauensperson, denen sie alles erzählen und Ansprechpartner, die sie in ihrem Leben unterstützen. Der engste Freund und die engste Freundin gehören in den engsten und privaten Kreis – sie gehören irgendwie mit zur Familie.

Sprachtalente

Die Jugendlichen mit Migrationshintergrund sprechen mindestens drei Sprachen: die Sprache ihrer Eltern, Deutsch und Schulenglisch. Einige der Eltern stammen aus einem zweisprachigen Land, dann sind es für die Jugendlichen schon vier Sprachen. Wer im Fußballverein spielt, schnappt meist noch einige Sätze aus zwei, drei weiteren Sprachen auf. Lupenrein sprechen sie nicht. Aber sie sagen, es ist wunderschön, wenn man in einem anderen Land ist und sich einfach mit den Leuten dort unterhalten kann. Viele der Jugendlichen äußern den Wunsch, ihre Sprachvielfalt weiter zu stärken und auszubauen.

Heimspiel

Die Jugendlichen fühlen sich in Deutschland zu Hause. Auch wenn sie von der Heimat sprechen und das Land meinen, in dem ihre Eltern groß geworden sind. In der „Heimat“ verbringen sie ihren Urlaub. Sie sind gern dort. Aber ihr Leben spielt sich in Deutschland ab – deutsch sprechen sie meist flüssiger, ihre Freunde sind da und alles ist moderner. Modern ist wichtig. Modern fühlt sich gut an. Doch wie steht es um die modernen Rollenbilder von Frau und Mann? Die Jungs wissen ganz sicher: Geld verdienen, Reparaturen im Haus und ein Auge darauf haben, dass ihre Schwestern zu Hause sind, wenn es dunkel wird, ist ihre Aufgabe. Ihre Schwestern bringen ihnen Tee, kochen, putzen. Die Mädels können das akzeptieren, bemerken augenzwinkernd wie viele männliche Putzkräfte und Köche es gibt und dann erzählen sie bestimmt und selbstsicher, von ihren Nebenjobs oder dem Ziel zu studieren.

Quelle: Protokoll: „Stimmen der Jugendlichen“ – Resonanzraum vom 5.2.2013. in der TIM-Stiftung

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